Süffiges „Schwarzes Huhn" für eine friedliche Innerste
Kehrwieder am Sonntag, 12.04.2009
(mei) Grasdorf. Wasser, Hefe, Malz - was braucht's mehr zu einem guten Bier? In Grasdorf an der Innerste sechs starke Männer, einen Kochtopf, Heizspirale, Läuterbecken, Kühltruhe und Thermometer. 20 Liter Bier wurden so experimentell erzeugt, mit viel Mut, Humor und Fingerspitzengefühl. Nur einmal sah ein Bierbrauer dabei zu, die beiden anderen Male trauten sich Götz Vahl, Stefan Könneke, Horst-Günther Bode, Heinz Husemann, Hans-Adolf Knopp und Dietrich Hoffmeyer allein. Die Anregung lieferte der Erzähler Wilhelm Raabe, der zu Anfang des 20. Jahrhunderts die Novelle „Die Innerste" schrieb. In ihr wird überliefert, dass der Fluss in Ankündigung eines Unheils laut schreie. Um ihn zu besänftigen, müsse ein schwarzes Huhn geopfert werden. Sonst nehme sich die Innerste unausweichlich einen Menschen. Das schwarze Huhn gibt nun dem Getränk, das die sechs Hobbybrauer mit Lust, Durst und Liebe brauen, den Namen. „Das schwarze Huhn -Bier von der innerste" nennen sie es und erheben es zum Bestandteil einer Kulturinitiative im Landkreis. Und damit die Innerste schön sanft bleibt, bekommt sie jedesmal einenSchluck davon.
Von der Innerste kann man ja sagen, was man will: Sie ist aber auf alle Fälle ein Gewässer, das durchaus zwiespältige Gedanken erweckt. Sie bietet ein schönes Bild in der Landschaft, Angler und Kanuten haben ihr Vergnügen an ihr. Sie wird aber zum reißenden Wasser bei Tauzeit oder nach Regenfluten. Und dann kann es vorkommen, dass die idyllische Innerste schreit. Laut schreit. Da können Anwohnern schon mal die Haare zu Berge stehen.Und es hilft in solchem Fall nur ein Besänftigungsritual. So wenigstens steht es in einer Geschichte: „Wenn das Wasser, die Innerste, geschrien hat, so will sie ihren Willen haben. Und wehe, wenn sie ihn nicht kriegt! Ein lebendiges Landtier fordert sie für ihren gierigen Hunger, und am liebsten ist ihr ein schwarzes Huhn..." Das schreibt Wilhelm Raabe (1831 bis 1910), der ganz in der Nähe, in Eschershausen, geborene Erzähler in seiner Novelle „Die Innerste". Und er weitet das Schauermärchen noch aus: „Bekommt sie ihren Willen nicht in der Zeit von 24 Stunden,... so hilft sie sich selber." Sie hole sich dann unerbittlich einen Menschen, so die Legende, die Raabe erzählt.
Die Geschichte hat sich bei Innerste-Anwohnern erhalten, bis in die heutige Zeit. Und dient nun ein paar Männern im durchaus reifen Alter in Grasdorf an der Innerste dazu, sich ihren Reim darauf zu machen. Und dieser „Reim" bedient nicht nur die Legende, er dient auch dem Experimentierspaß. Und: Er löscht im Endeffekt den Durst auf besonders vorzügliche Art. Denn sie haben sich zu einer „Braugruppe Schwarzes Huhn" zusammengetan. Seit April erproben sie sich beim Brauen eines dunklen, süffigen Biers. Angelehnt an die Farbe besagten Huhns. Letzteres dient auch als Markenzeichen für das Getränk. Und weil der Ortsbürgermeister unter den sechs Hobbybrauern ist, geht auch alles rechtens zu. „Wir können doch nicht zulassen, dass die schwarzen Hühner ausgerottet werden", nennt Ortsbürgermeister Hans-Adolf Knopp den Grund für diese BierBrau-Idee.
Mit der Anfangshilfe eines Bierbrauers machte man sich ans Werk, er war nur einmal dabei, so der stolze Bericht der Beteiligten. Ein Berufsschullehrer, ein Unternehmer, ein Außendienstmitarbeiter, ein Jugendpfleger, ein Revisor, ein Werkzeugmacher und ein Kulturwissenschaftler gehören zum Team. 20 Liter des schwarzen Gebräus wurden in einem Kochtopf angesetzt. Weil Mengen, Zutaten und Temperaturen genau beachtet werden müssen, kam es naturgemäß zu einigen Zwischenfällen. Das erste Bier war zu bitter, das zweite viel zu stark. Also musste mit Hopfen und Wasser - unter lautem Protest einiger Hobbybrauer vor allem wegen des Wassers - innoliert werden.
Immer noch hat es das Bier nach dem dritten Versuch allerdings in sich: Es schmeckt würzig-herb nach Malz, hat eine schöne dunkle Farbe und besticht mit einer feinen Blume. Dass es dem Portwein sehr ähnlich ist, merkt der Genießer spätestens nach zwei Gläsern...
Aber das Brau-Sextett übt ja noch. Und sucht Utensilien, um sich an 200 Liter wagen zu können. Viel Geschick brauchen die Brauer dazu, denn das meiste ist Marke Eigenbau dabei. Sie wollen aber nicht etwa ihren privaten Bierkonsum mit dem „Schwarzen Huhn" erhöhen, nein, es soll einem Dorfvergnügen im August dienen. Zum Dorffest in Grasdorf soll das Bier mit legendärem Hintergrund ausgeschenkt werden. Und sie sind Bestandteil einer landkreisweiten Kulturinitiative.
Bevor das süffige „Schwarze Huhn" aber von Geschick, Lernfähigkeit und Ausdauer der Männer zeugen kann, pilgern sie wieder zur Innerste. Sie bekommt ihren Anteil vom „Schwarzen Huhn" ab. Damit sie immer schön friedlich bleibt.

