Ein Himmelsgucker
Hildesheimer Allgemeine Zeitung, 11.08.2009
WRISBERGHOLZEN. Im Baum baumeln ein paar Kinder, die Lippen konzentriert zusammengekniffen. Es hat sie dort oben aber niemand vergessen, sondern sie probieren das aus, was Dirk Becker mit seiner „Erlebnisakademie" vermitteln will. Sie versuchen, sich beim Klettern selbst zu finden. „Mit Theater- und Erlebnispädagogik wollen wir den Menschen helfen, sich zu strukturieren", erklärt Becker. Klettern sei dabei die beste Möglichkeit, um sich selber zu spüren.
Seit zwei Jahren gibt es die Erlebnisakademie als Zweigbereich der Kulturherberge und Dirk Becker will jetzt dafür sorgen, dass sie bekannter wird. Auch um ein Ergänzungsprogramm für Schulen zu bieten.
Einen Tag lang feiert die Kulturherberge den „Tag des offenen Gartens", zeigt künstlerische Arbeiten, enthüllt den „Himmelgucker" auf dem Skulpturenpfad und lässt zum brasilianischen
Tanz aufspielen. Ein Familienfest mit Kaffee und Kuchen und herumtobenden Kindern, wenn sie denn eben nicht gerade im Baum hängen.
Aber auch die 71-jährige Inge Bomke hat den Weg auf die Wernershöhe gefunden und schaut sich in den Zimmern um, die sonst Seminarteilnehmern als Unterkunft dienen. Sie kann sich noch an die Zeit erinnern, als sie vor 60 Jahren mit ihrem Lehrer von Sibbesse aus hierher gewandert sind und „ein paar schöne Tage" verbracht haben. „Damals war das ja noch eine Jugendherberge", erzählt sie.
Johannes Frommer, 1. Vorsitzender des Kulturherberge-Vereins will mit diesem Fest den Menschen einen bunten Nachmittag zum „Konsumieren und Mitmachen" bieten. Dabei soll auch die Kunst nicht zu kurz kommen. Mit zwei Ausstellungen soll gezeigt werden, was an Kreativität in dem Haus im Wald steckt.
Jürgen Pfeiffer, der zwar nicht in der Kulturherberge lebt, aber mit dem Hausfreundschaftlich verbunden ist, stellt seine Landschaftsporträts aus, in denen er die Wandlungsfähigkeit der Natur festhalten will. „Ich liebe es, draußen zu sein und Energie zu tanken", sagt er. Dabei zeigt er nicht nur ganz klar und analog den Klosterteich Marienrode im Wechsel der Jahreszeiten, sondern setzt auch die digitale Manipulation ein, um neue Perspektiven zu schaffen. So hat er etwa einen Baum mehrmals fotografiert und die Fotos zu einem Bild montiert.
Was bei dem Künstler David Hockney noch eindeutig als Collage und Spiel mit dem zitierten Blick zu erkennen ist, weil er die einzelnen Fotos nur zusammenklebt, wird bei Jürgen Pfeiffer zu einer neuen visuellen Erfahrung. Denn hier sieht der Betrachter mehr, als eigentlich möglich ist. Verschiedene Perspektiven verschmelzen fast unmerklich.
Neben den Fotos von Jürgen Pfeiffer sind die Ölbilder von Su Siebert an diesem Tag in der Kulturherberge zu sehen. Die Künstlerin sitzt derweil draußen im Garten, malt den Baum mit den Kletterkindern und erzählt, warum sie gerade die indische Schriftstellerin Arundhati Roy zweimal porträtierte: „Ich finde es wichtig, dass es Menschen gibt, die ihre Bekanntheit dafür einsetzen, etwas zu bewegen und nicht einfach nur Geld zu scheffeln." Aber Su Siebert griff auch deswegen ein zweites Mal zum Pinsel, weil sie mit dem ersten Bild noch nicht zufrieden war.
Einige Kinder schauen nach der Exkursion in den Bäumen auch noch einmal bei Lukas Wiese vorbei, der seine Werkstatt geöffnet hat und den Nachwuchs mit Hammer und Werkzeugen die rohen Steine bearbeiten lässt. Wiese veranstaltet sonst Workshops, bei denen auch die Objekte des Skulpturenpfads entstanden sind.
Später wird er auf dem Rundgang am Rennstieg noch seine neueste Arbeit präsentieren: den Himmelgucker. Ein Stück Kunst über die Entstehung des Lebens aus dem Meer.

