"Kunstwandeln" auch mit der Kutsche
Hildesheimer Allgemeine Zeitung, 10.08.2009
Rheden (ph). Warum leben in Rheden und dem nahen Wallenstedt so viele Künstler? Weil die, die dort leben, nicht nur im Bildhauern und Malen kreativ sind, sonder sich etwas einfallen lassen. Wie am Wochenende die Ak-tion „Kunstwandeln".
Zwischen Scheune und Schweinestall erstreckt sich die frisch gemähte Wiese mit alten Obstbäumen und einem Nussbaum darauf. Angelegt zu einer Zeit, in der kein Mensch eine „Streuobstwiese" kannte. Darauf weiße Pfeiler mit modernen Plastiken aus Stein und Metall. Mitten drin ein weißer Pavillon. Vom Stuhl erhebt sich Jürgen Friede und begrüßt seine Besucher. Der Bildhauer aus der Wedemark gibt gern zu, dass er erst einmal seine Zweifel hatte, ob es gelingen werde so viele Künstler unter einen Hut zu bringen. Die Zweifel sind nach zwei Stunden weg. „Tolle Kollegen, eine gute Auswahl", sagt er, und ist sich mit seiner Kollegin Dagmar Heimbold einig. Die ist vorbeigekommen, um den Wechsel zu besprechen. Wechsel, das heißt, die Künstler tauschen zwischendurch den Ausstellungsort und erläutern den Besuchern die Kunst des jeweiligen Kollegen. „Das ist ausgesprochen spannend", findet Inge Rokette, die als Besucherin hier ist.
Die Organisatorinnen Sabine Zimmermann und Angela Cremer haben, bescheinigt ihnen der Kollege Friede, „die Künstler geschickt zusammengestellt." Und die Orte mindestens ebenso geschickt ausgesucht. In der ehemaligen Fleischerei liegen statt der Mettwurst Prospekte in der Auslage, in einer Malschule stellt ein Polaroid-Fotograf aus, und man kann zwischendurch die Beine im kalten Pool baumeln lassen. Eine alte Scheune beherbergt moderne Kunst. War es eigentlich schwer, die Leute zu überreden? „Nein", wundert sich die Organisatorin Angela Cremer selbst. Sie hatte mit Absagen gerechnet, aber von wegen: „Alle waren sofort bereit, mitzumachen." Die beiden ortsansässigen Künstlerinnen haben einfach bei den Nachbarn geklingelt und ihr Projekt vorgestellt. "Große
Offennheit ohne Hemmschwellen" haben sie erfahren. Und Mithilfe. "Heute morgen wurden überall die Ställe und auch die Straßenränder gefegt." Die Feuerwehr organisiert und betreut den Parkplatz, die Kirche veranstaltet Führungen.
Die beiden Kunst-Dörfer liegen etwa einen Kilometer auseinander. Die Straße flimmert in der Hitze. Auch dieses Problem hatten die beiden vorausgesehen. Für einen Euro kutschieren sie die Besucher hin und her, und das ist wörtlich zu nehmen: Eine Pferdekutsche verbindet alle Kunstorte miteinander und wer nicht warten möchte kann die Rikscha nehmen. Christian Luther heißt der Fahrer, und er tritt (elektro-unterstützt) kräftig in die Pedalen und bringt die Menschen weiter.
Vorbei an einem luftigen Pavillon, in dem Ruth Remmers und Susanne Glüsen-Paulmann sich um die Kinder kümmern. Aus Filz entstehen kleine Kunstwerke, gemalt wird auch. Susanne Remmers sieht das ganze praktisch. "es ist für die Kinder wichtig, dass sie selbst etwas mit eigenen Händen machen können und nicht nur gucken." Und ihre Kollegin Kollegin lässt die Kleinen an einer großen Plakatwand ihre malerische Fantasien austoben.
Allein am Sonnabend kamen mehr 200 Gäste, gestern waren es noch wesentlich mehr. Die Zustimmung war einhellig, berichten Besucher. Angela Cremer zog Bilanz: Vor allem die Künstlertausch-Idee sei gut angekommen, und: "Für uns Künstler war das ein großer Gewinn. "

