Von Sehnsucht und Haien im Garten
Hildesheimer Allgemeine Zeitung, 10.08.2009
HILDESHEIM. Die Stadt ist zum Park der Poesie geworden. 25 Plakate mit Gedichten von 18 Autoren aus sieben Ländern sind an 16 prägnanten Orten installiert. Sie bleiben ein halbes Jahr an diesen Plätzen. Und nun ist das Projekt „Lesezeichen 2009/2010" auch offiziell eröffnet.„Lesen findet normalerweise im stillen Kämmerlein statt. Nur nicht mehr in Hildesheim", leitet Moderatorin Patricia Harlos die Eröffnungsfeier an der Südseite der Andreaskirche ein. Über ihr hängt das überdimensionale Plakat mit dem Gedicht „Worte finden" von Jo Köhler. Um die kleine Lesebühne herum bleiben neugierige Passanten stehen. Die Sitzplätze davor erfreuen sich der regen Nutzung derer, die ganz gezielt gekommen sind, um bei einer nicht alltäglichen Lesung dabei zu sein.
Ekkehard Palandt, zweiter Bürgermeister Hildesheims, freut sich über die Anregung zum Lesen, aber noch mehr über die Anregung zum Denken. Superintendent Helmut Aßmann sieht Worte als „einen Teil der Sprache, als ein Geheimnis zum Bestaunen, als etwas, mit dem sorgsam umgegangen werden muss." Das Versprechen, das Jawort, das Urteil, der Schwur - das, was dahinter steht, sollte stets gründlich durchdacht sein.
Hinzu kommt, wie „Lesezeichen"-Initiator und Projektleiter Jo Köhler erklärt, die Verortung des Wortes, die hilft, das Geschriebene in einem neuen Bezug zu sehen, um neuen Assoziationsketten freien Lauf zu lassen. Mit den bis zu 4,5 Meter hohen Lesezeichen bekämen die Orte ihre Aura zurück.
Passend dazu ist dann der Auftritt von Gerhard Kreuzer und Maren Drangmeister. Mit Gesang, Gitarre und Flöte feiert das Duo die „Wiedergeburt der Poesie" und haucht Texten von Rainer Maria Rilke, Hermann Hesse oder Joseph von Eichendorff neues Leben ein. Zeitgleich eröffnet Gerhard Pleus seine Gedichtbude.
Als „MäcPoet" bietet er gegen Geldeinwurf Blitzgedichte. Ein Stichwort reicht als Anregung. Der Hildesheimer Berthold Buchholz bestellt auch gleich eins inklusive Niederschrift. Er wünscht sich die richtigen Worte, um einer guten Bekannten Besserung zu wünschen, weil sie gerade im Krankenhaus ist. In nur wenigen Minuten ist es entstanden. „,Lesezeichen' ist eine echte Bereicherung und ergänzt sich mit anderen Projekten wie Prosanova und dem Lyrikpark. Ich frage mich nur, ob auch wirklich alle Hildesheimer dieses Angebot wahrnehmen. Ich kann es anderen nur wünschen", freut sich der Literaturbegeisterte.
Offensichtlich ist „Lesezeichen" regelrecht ansteckend. „Die Musik ist gut, die Sonne scheint, das Wasser im Brunnen plätschert, und die Bäume tragen ein herrliches Grün. Dazu die passenden Worte - es könnte kaum schöner sein", freut sich Sabine Aschoff aus Itzum,während auf der kleinen Bühne vier Frauen ihre Texte vortragen.
Entstanden sind die Texte in der Schreibwerkstatt „Sehnsucht hinter Gittern" im Frauengefängnis von März bis Mai. Unter der Anleitung der Anstaltsbeirätin Birgit Waldhoff-Blum und Gefängnisseelsorgerin Jutta Johannwerner wurden mehr als 30 Texte verfasst, darunter Haikus und Balladen. „Es handelt sich um Biographiearbeit mit den Mitteln der Poesie", erklären die beiden. Dass hier viele gelungene Arbeiten vorgetragen werden, beweist ein Haiku von Sandra Stoll, Die Worte „Sehnsüchtig zu Hause / Niemals ganz alleine sein / Haie im Garten" beschreiben mit wenigen Zeilen den Gemütszustand einer Insassin, die sich vor dem Leben nach der Entlassung genauso fürchtet wie vor der Gefangenschaft.
Sie hat schon vor dem Workshop geschrieben, genau wie Michaela Ebeling.
Beide sind sich einig: „Wir haben vor allem gelernt, für unsere Gedanken eine Form zu finden. So wird das Schreiben effektiver, weil man strukturierter vorgeht." Auch nach ihrer Haftentlassung wollen sie weiter schreiben.
Bevor die Literaten dann in die Innenstadt ausschwärmen, um die Hildesheimer Bevölkerung mit ihren Texten in ungewohnten Situationen zu überraschen, liest noch die Kinderbuchautorin Christine Raudies Geschichten vom „Zahnweh auf hoher See" mit Figuren wie Botho Blutauge oder der Prinzessin Delia, die spannende Abenteuer zu bestehen haben.
Insgesamt hat die Eröffnung gezeigt, wie vielfältig das Wort genutzt werden kann, wie zeitlos es ist und dass es immer wieder neue Formen braucht. Und Jo Köhler hat gewiss recht, wenn er sagt: „Das Wesentliche der Welt und des Lebens wäre wohl ohne die Poesie nicht. Ein Gedicht kann einen Tag retten."

